Juniküsse – 2. Teil (Gay Romance)

Huch, so viel Zeit ist seit dem ersten Teil vergangen. Ich kann noch gar nicht glauben, dass wir schon Ende Juni haben. Eigentlich gönne ich mir gerade eine Schreibpause, bis es mit einem neuen Projekt im Juli los geht. Aber da ich heute eine Kurzgeschichte für ein ganz besonderes Projekt geschrieben habe (das leider noch geheim ist), bin ich so in Schreibstimmung gekomen, das ich beschlossen habe, endlich „Juniküsse“ weiterzuschreiben.

Hier seht ihr das Ergebnis. Über Feedback würde ich mich riesig freuen!

ZWEI – ALLES AUF ANFANG

Das Wochenende zieht sich so zäh wie Kaugummi. Ich muss mich für eine Matheklausur juniküsse cover2vorbereiten und verbringe den ganzen Samstag und halben Sonntag mit Übungsaufgaben. Dabei fällt es mir höchst schwer, mich zu konzentrieren, da meine Gedanken immer wieder zu Benito und der gemeinsamen Nacht wandern. Soll es wirklich ein einmaliges Erlebnis bleiben? Wieso habe ich nicht den Mund halten können? Es war doch offensichtlich, dass ich ihn mit dem „Ich liebe dich!“ verkrault habe. Ich hätte es wissen müssen, dass es für ihn nur ein Abenteuer war. Und doch tut es so schrecklich weh, als hätte Benito mir mit einer Glasscherbe mitten ins Herz geschnitten. Und es blutet und blutet …

Den Abend verbringe ich mit meinem Eltern Chips kauend mit dem Tatort vor der Flimmerkiste. Die Ermittler haben einen einen äußerst spanennden Mordfall aufzuklären und es gelingt mir, für ein paar Stunden, Benito aus meinem Gedächtnis zu verdrängen. Aber spätenstens als es ins Bett geht, ist er wieder da. Er läuft und trampelt in meinem Hirn herum und sorgt dafür, dass ich kein Auge zubekomme. „Ich bin nicht schwul.“ Seine letzten Worte hallen in meinen Ohren wieder. Ich schlucke und ein dicker Kloß verstopft mir die Kehle. Brennende Tränen bahnen ihren Weg über mein Gesicht. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht laut loszuschluchzen. Ich habe es ernst gemeint. Ich liebe Benito. Nicht erst seit gestern. Fünf verdammt lange Jahre habe ich darauf gewartet, dass wir uns endlich annähern.

Benito war bereits seit der Sechsten in meiner Klasse. Damals zog seine Familie aus Berlin nach Stuttgart. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie unser Lehrer ihn uns vorstellte. Ich erinnere mich, wie ich das erste mal in seine meerblauen Augen geblickt und mich darin verloren habe. Leider stand mir damals meine Schüchternheit im Weg und ich schaffte es nicht, Benito anzusprechen. Er wurde innerhalb weniger Wochen zum Klassenclown und gehörte zu den coolen Kids, zu denen ich mich nie zählen konnte. Er verführte die Mädchen reihenweise, keine war vor ihm sicher. Ich war mir im Klaren, dass er stockhetero war. Doch das änderte nichts daran, dass mein Herz in Flammen stand, wenn immer er den Raum betrat.

Im Sommer vor drei Jahren habe ich dann Tommy kennengelernt. Ich war im Internet auf eine Anzeige gestoßen, bei der ein Stammtisch für junge Homosexuelle ausgeschrieben war. Er fand in in einem Café ganz bei mir in der Nähe statt und nachdem ich mich ein paar mal davor herumgedrückt hatte, ohne reinzugehen, wagte ich irgendwann den wichtigsten Schritt in meinem Leben und betrat das Café. Die anderen waren total freundlich und ich wurde sofort aufgenommen und fühlte mich, als wäre ich endlich angekommen. Ich fand ganz wunderbare Freunde und fühlte mich nicht mehr wie ein Alien, nur weil ich anders tickte als meine Klassenkameraden. Tommy war schon seit längerer Zeit Mitglied des Stammtischs. Er saß an meinem ersten Tag direkt neben mir und so kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass wir beide auf alte Hollywoodfilme und James Dean standen. Was soll ich sagen? Ein paar Monate später waren wir ein Paar. Ich hatte meinen ersten Freund und das war so ziemlich das Aufregendste, was ich bisher erlebt habe – abgesehen von der Nacht mit Benito. Jedenfalls habe ich es geschafft, Benito während meiner Zeit mit Tommy völlig auszublenden.

Alles ging gut. Ich outete mich vor meinen Eltern mit Tommys Hilfe und obwohl sie anfangs etwas skeptisch reagierten, akzeptierten sie mich und meine Sexualität. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Ich hatte das Gefühl, ich würde ständig schweben und die Welt um mich herum war rosarot-geblümt. Dann kam der Tag, als unser Klassensprecher Julian mich mit Tommy im Park sah – Händchenhaltend versteht sich. Und natürlich hatte er nichts besseres zu tun, als ein Foto zu schießen und es um die halbe Welt zu schicken. Naja, das war vielleicht übertrieben, aber er hat es bei Facebook hochgeladen und innerhalb kürzerster Zeit war meine Homosexualität das Topthema Nummer eins in der Schule. Von da an wurde es hässlich. Ich wurde plötzlich von wildfremden Menschen verarscht und verspottet. Manche schrien mir „Schwulette!“ nach, wenn ich den Pausenhof überquerte. Und das Schlimmste war: Benito war einer der Jungs, die am lautesten schrien. Heute würde ich sagen, dass er seine eigene Unsicherheit übertönen wollte. Aber damals dachte ich, er sei homophob und würde mich abscheulich finden. Die Beziehung zu Tommy litt immer mehr darunter und schließlich trennten wir uns unter Tränen.

Das ist jetzt zwei Jahre her. Seitdem hatte ich hier und da ein Techtelmechtel, aber nichts ernstes mehr. Meine Gefühle für Benito drängten sich wieder in den Vordergrund und meine Sehnsucht nach ihm wurde immer größer, auch wenn er sich mir gegenüber wie ein Arschloch verhielt.

Wie es dennoch zu unserer gemeinsamen Nacht kommen konnte? Nun, davon hätte ich mir niemals träumen lassen. Wie der Zufall es wollte, war ich ausnahmsweise mal auf eine Party eingeladen. Eine Mitschülerin wurde achtzehn und die ganze Klasse ging hin – auch ich, obwohl ich anfangs gar keine Lust darauf gehabt hatte. Aber die besagte Mitschülerin lud mich persönlich dazu ein, was mich so gerührt hatte, dass ich ihr zuliebe einfach hingehen musste. Es war für mich eigentlich ein recht unschöner Abend. Ich hing die meiste Zeit alleine herum und keiner wollte sich mit mir abgeben. Ich beschloss deshalb, vor dem Haus eine zu rauchen. Zu meinem Glück kam Benito wohl auf die selbe Idee, denn er stand plötzlich neben mir, eine Fluppe zwischen den Lippen, und fragte: „Hast du Feuer?“

„Natürlich.“ Ich zückte mein Feuerzeug und zündete seine Zigarette an. Er nahm einen kräftigen Zug und bließ den Rauch ins dunkle Nichts der Nacht.

„Totlangweilig, findest du nicht auch?“, fragte er und tigerte unruhig vor dem Haus auf und ab.

„Ja, ich wäre beinahe eingeschlafen, deswegen bin ich rausgegangen“, gab ich zurück. Er sagte eine ganze Weile gar nichts mehr, dann räusperte er sich auf einmal.

„Du machst es richtig, mein Freund“, sagte er und schlug mir mit der Hand auf den Rücken. Ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke und musste husten. Er nahm keine Notiz davon, redete einfach weiter. „Ich hab die Weiber so satt. Ständig dieses Gezicke und dieses Etepetete … das kotzt mich sowas von an. Du hast recht, dass du auf Kerle stehst.“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Hatte eben derselbe Benito, der sich über mich lustig gemacht hatte, etwa gesagt, ich hätte Geschmack?

„Naja“, sagte ich und nahm einen Zug von meiner Kippe. „Ich habe eigentlich nichts gegen Mädchen. Aber ich finde sie eben nicht … erotisch.“

„Hast du noch nie … ich meine, mit einer Frau?“, fragte Benito und musterte mich neugierig.

„Nein. Nur mit Männern“, sagte ich. „Ich bin ja der Meinung, wenn du’s einmal mit einem Mann getan hast, willst du nie wieder etwas anderes.“ Ich lächelte. Benito kratzte sich am Kopf.

„Unter Männern geht es bestimmt ziemlich zur Sache, oder?“, fragte er und in seinen Augen blitzte etwas auf. War es etwa … Lust?

„Da kannst du einen drauf lassen“, antwortete ich. „Da ist nix mit zimperlich.“ Ich lachte laut auf und Benito stimmte in mein Lachen ein. Plötzlich trat er näher an mich heran. Sein Atem streifte meine Wange.

„Würdest du es mir zeigen?“, hauchte er.

Ich wische die Tränen aus meinem Gesicht. Wie hatte diese schöne Nacht nur so hässlich enden können? Mir graut es vor der Schule. Was würde mich morgen erwarten? Wenn ich Benito richtig einschätzte, dann war ihm die Sache zu peinlich, um sie weiterzuerzählen. Trotzdem würde ich ihm nicht mehr in die Augen sehen können. Nicht nach all dem, was gestern passiert war …

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