Zwischen den Geschlechtern

Für gewöhnlich definieren wir zwei Geschlechter: Männer und Frauen. Doch tatsächlich gibt es auch Menschen, die sich da nicht so genau festlegen können. Manche fühlen sich dem anderen Geschlecht zugehörig, als dem, in dem sie geboren wurden. Man spricht hier von Transsexuellen oder Transgender. Auch gibt es Leute, die sich beiden Geschlechtern oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen, also die sich irgendwo zwischen den Geschlechtern befinden.

Dieser Artikel soll ein bisschen Licht ins Dunkel bringen und zeigen, welche Geschlechtsidentitäten es gibt.

Zwischen den Geschlechtern

Geboren im falschen Körper

Transidentitäten, auch Transsexuelle genannt, kommen im falschen Körper auf die Welt. Sie werden z. B. als Mädchen geboren, obwohl sie sich innerlich wie ein Junge fühlen. Als Kind ist das meist noch erträglich, aber wenn dem Mädchen in der Pubertät dann Brüste wachsen, nimmt der Leidensdruck immer mehr zu.

Transidentitäten möchten sich dem anderen Geschlecht, dem sie sich zugehörig fühlen, so gut wie möglich anpassen. Das kann sowohl durch eine Hormontherapie, als auch einer geschlechtsangleichenden Operation erfolgen. Diese Eingriffe sind keine Lappalien, doch viele Transsexuelle nehmen sie trotzdem in Kauf, um endlich den gewünschten Körper zu bekommen.

Transsexualität wird einem in die Wiege gelegt und ist weder anerzogen, noch kann es wegtherapiert werden. Es gab schon immer Transidentitäten, schon in frühsten Epochen der Weltgeschichte. So soll sich z. B. der römische Kaiser Elagabalus (ca. 203 – 222) geschminkt haben. König Heinrich III von Frankreich zog sich gerne Frauenkleidung an. Mehr Informationen über die Geschichte von Transgendern findest du hier.

Die Diagnose der Transgendereigenschaft wird in Deutschland nach der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD, ermittelt. Danach werden Diagnosen von Ärzten und medizinischen Einrichtungen hierzulande verschlüsselt. Die aktuelle ICD kann man auf der Homepage des DIMDI nachschlagen. Die Transgendereigenschaft hat den Diagnoseschlüssel F64 und wird wie folgt differenziert:

F64.- Störungen der Geschlechtsidentität
F64.0 Transsexualismus
F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
F64.2 Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters
F64.8 Sonstige Störungen der Geschlechtsidentität
F64.9 Störung der Geschlechtsidentität, nicht näher bezeichnet

Der Begriff „Geschlechtsidentitätsstörung“ wird von vielen kritisiert. Er sei unwissenschaftlich und eine unbewiesene Erfindung der Psychoanalyse. Die Transidentität werde dadurch als eine psychische Störung abgewertet, obwohl die Betroffenen sich nicht als psychisch krank oder verhaltensgestört empfinden. Dadurch resultiere auch die noch immer existente Transphobie und Diskriminierung von Transsexuellen. Mehr Informationen zur Diagnose findest du hier.

Beide Geschlechter vereint

Wenn ein Mensch das Gefühl hat, sowohl eine männliche als auch eine weibliche Persönlichkeit in sich zu vereinen, dann spricht man von „Bigender“. Dieser Begriff ist in Deutschland noch nicht sehr bekannt, doch auch hierzulande gibt es Menschen, die als Bigender gelten.

Ich möchte euch hierzu die Geschichte von Martina (Name geändert) erzählen. Martina ist eine junge Frau in den Mittzwanzigern. Wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt, dann sieht sie ein Mädchen, das lieber ein Junge gewesen wäre. Anstatt Puppen, wünschte sie sich das Playmobil Piratenschiff und eine Carrera Bahn. Außerdem gab sie sich selbst Jugennamen, wofür sie von den Nachbarskindern verspottet wurde.

Mit der Pubertät reifte sie zu einer jungen Frau heran. Sie akzeptierte es mittlerweile, einen weiblichen Körper zu besitzen. Es war okay für sie, eine Frau zu sein. Doch trotzdem kleidete sie sich gerne mit T-Shirts aus der Herrenabteilung und musste dafür viel Kritik einstecken. Sie sah sich selbst als „Tomboy“, eine Frau, die sich eben gerne etwas maskulin gab. Trotzdem schminkte sie sich, zumindest mit Eyeliner und Wimperntusche. Ohne ihre dunkel umrandeten Augen, ging sie nicht aus dem Haus.

Mit der Zeit lernte sie junge Männer kennen und lieben, die ihre masukline Seite nicht sehr schätzten. Martina begann deshalb damit, weiblichere Klamotten zu tragen, sich die Arme und Beine zu rasieren und ihre kurzen Haare wieder wachsen zu lassen. Sie unterdrückte ihre männliche Seite, obwohl diese noch immer tief in ihr schlummerte.

Eines Tages lernte sie im Internet Thomas (Name geändert) kennen. Er outete sich vor ihr als Bigender. Auf diesem Weg kam Martina erstmals mit diesem Thema in Berührung. Sie hatte nicht gewusst, dass es Menschen gab, die sowohl eine männliche als auch eine weibliche Seite besaßen. Sie erkannte, dass das sehr wohl auf sie passte. Während es für sie okay war, einen weiblichen Körper zu besitzen, wusste sie, dass sie tief in sich drin noch eine männliche Persönlichkeit trug. Sie gab ihrem inneren Mann einen Namen und ließ ihn wieder zu.

Heute akzeptiert Martina, dass sie äußerlich zwar eine Frau ist, aber innerlich auch ein Mann.

Bigender können sowohl primär männlich, als auch primär weiblich sein oder beide Geschlechter gleichermaßen in sich vereinen. Sie drücken das nicht nur durch  geschlechtsspezifische Kleidung aus, sondern auch z. B. durch ihre Körperhaltung, ihr Auftreten und ihre Wortwahl.

Im Jahr 1999 wurde vom San Francisco Department of Public Health eine Untersuchung durchgeführt, die zeigte, dass weniger als 8 % der genetisch weiblichen und weniger als 3 % der genetisch männlichen Versuchspersonen Bigender waren.

Das Ergebnis zeigt deutlich, wie selten Bigender sind. Aber sie existieren und verdienen unsere Aufmerksamkeit.

Übrigens, wenn sich die Anteile von Mann und Frau gleichmäßig auf eine Person verteilen, bezeichnet man sie auch als „androgyn“.

Geschlecht? Nein, danke!

Es gibt auch Menschen, die sich gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Es ist ihnen in der Regel egal, ob sie mit „er“ oder „sie“ angesprochen werden und empfinden sich selbst als geschlechtlos. Diese Menschen bezeichnet man auch als „Agender“. Die Vorsilbe „A-“ steht hier für „ohne“ und „gender“ ja bekanntlich für „Geschlecht“.

Agender werden oft nicht akzeptiert und manche werfen ihnen sogar vor, dass es Geschlechtsneutralität gar nicht gebe und sie nur Aufmerksamkeit suchten. Das ist aber keinesfalls wahr. Agender zählen zu den nicht-binären Geschlechtsidentitäten. Diese Gruppe von Menschen ist besonders häufig von psychischen Leiden wie Ängsten und Depressionen betroffen und das Selbstmordrisiko ist höher als bei Menschen, die sich klar als Mann oder Frau definieren. Einen englischen Artikel der Teen Vogue zum Thema Agender findest du hier.

Auch sogennante „neutrois“ sind geschlechtsneutral. Der Begriff setzt sich aus „neu“ für „neutral“ und „trois“, dem französischen Wort für „drei“ zusammen. Somit ist „neutrois“ ein drittes, neutrales Geschlecht. Der Unterschied zum Agender besteht darin, dass sich „neutrois“ einem dritten Geschlecht zugehörig fühlen, während Agender sich als völlig geschlechtslos betrachten. Mehr Infos über das Geschlecht „neutrois“ findest du hier.

Ein Wort zum Abschluss

Das war mein Artikel zu den Geschlechtsidentitäten. Natürlich gibt es noch mehr, die man hier nennen könnte, aber ich möchte mich mal auf diese beschränken. Ich hoffe, ihr fandet den Artikel interessant oder habt vielleicht sogar noch etwas Neues gelernt. Falls ihr euch fragt, wer Martina aus dem Bigender-Beispiel ist: Sie ist eine Person, die mir sehr nahe steht und die einverstanden war, dass ich ihr Erlebnis auf meinem Blog teile.

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s